Kapitel 1

12.Juli.2020

Die ersten Sonnenstrahlen glitten durch das winzige Fenster und wanderten wie Heiligenscheine über die Köpfe seiner guten Seelen.

Er stellte sich auf das Podest und breitete die Arme über seine Engel aus. „Heute ist der Tag, an dem ihr euch von dem Teufel befreien werdet. Hebet die Hände und klagt an.“

Die Engel hoben die Arme gen Himmel, den Kopf in den Nacken gelegt. Sie schlossen die Augen. Ihre Lippen bewegten sich leicht. Ein Stimmengewirr ertönte lieblich in seinen Ohren. Aber er musste sich um die Lautstärke keine Gedanken machen, denn man musste schon sehr laut schreien, damit ein leiser Ton nach außen dringen würde.

Das Kellergewölbe seines Hauses war perfekt für die Unterkunft seiner Boten. Niemand vermutete, was darin vor sich ging. Jeder glaubte an den freundlichen Nachbarn, der stets hilfsbereit zur Stelle stand. Er konnte sehr gut in die Rolle des angenehmen Zeitgenossen schlüpfen, hatte einen angesehenen Beruf. Niemand konnte ihm ansehen, wer er wirklich gewesen war.

Er war ein Auserwählter, ein Überlebender. Gott hatte ihm eine Aufgabe gegeben. Und immer am 12. Juli eines Jahres erfreute er sich an dem Spektakel in seinem Keller. Die Ernte seiner jahrelangen Arbeit und präzisen Planung. Er schaute seine Engel an, die er auch zu Auserwählten gemacht hatte. „Ihr seid die Verkünder der Wahrheit. Ihr treibt sie hinab in die tiefen Schluchten des Bösen. Dort werden sie von ihrer dämonischen Seele erlöst.“

Ein Raunen hallte durch das kalte Gemäuer.

„Entbindet euch von dem Gesindel. Befreit euch von den zerrenden Parasiten, die euch mit Haut und Haaren verschlingen. Es ist eure einzige Chance zu überleben.“ Er streckte seine Brust heraus, atmete tief ein, um die Energie, die er von seinen Engeln erhielt, in sich aufzusaugen. „Rottet sie alle aus. Wir müssen uns von dieser Schande befreien. Steht auf und klagt sie an. STEHT AUF! STEHT AUF!“

Laute Worte wirbelten durch den kahlen Raum. Er konnte ihren Schweiß riechen. Er war zufrieden. Hatte sie da, wo er sie haben wollte.

Die Stimmen der Überlebenden klangen wie eine liebliche Melodie. Sie klagten an.

Er war stolz auf sein Werk. „Kommt in meine Arme, lasst uns zusammen der Welt die Wahrheit verkünden.“

Kapitel 2

Lena

12.Juli 2020

„Du gehst mir wirklich auf die Nerven, Lena. Du bist doch selbst dafür verantwortlich.“

„Ach Maik. Sei wenigstens einmal ehrlich. Steffi hat dich beobachtet.“ Lena versuchte, sich nicht aus der Fassung bringen zu lassen. Vor allem wollte sie sich nicht die Blöße geben und losheulen. Dennoch fiel es ihr nicht leicht, die Kontrolle über sich zu behalten.

„Ach, was deine komische Freundin so sieht.“ Maik winkte ab. „Du musst nicht alles glauben, was die dir erzählt. Ich bin nicht einer deiner gestörten Protagonisten in einem Thriller, bei denen das Fremdgehen an der Tagesordnung steht.“

„Manchmal habe ich aber das Gefühl.“ Lena setzte sich auf den Bettrand und beobachtete, wie Maik Sachen in seine Sporttasche stopfte.

„Dann solltest du dir vielleicht einen anderen Charakter als Vorbild suchen, denn du bist nicht sonderlich erfolgreich mit deinen Büchern.“

Lena spürte, wie sich diese Worte in ihr Herz bohrten. Als stäche jemand mit dem Messer hinein und drehte es um dreihundertsechzig Grad. „Du hast dich nicht beschwert, als ich vor drei Jahren meinen ersten Thriller bei einem namhaften Verlag veröffentlicht habe und erfolgreich war. Du hast das Geld gern angenommen und verzockt oder mit deinen Freunden versoffen, während ich jeden Abend allein auf dem Sofa saß und auf dich gewartet habe.“

„Das war aber auch dein einziger Erfolg. Danach kam nur noch totaler Mist. Und du verdienst so gut wie nichts mehr.“

„Hätte ich die Kohle nicht mit dir teilen müssen, hätte ich länger als zwei Jahre davon leben können.“ Lena spürte Wut in sich aufsteigen.

„Vielleicht solltest du dir einen vernünftigen Job suchen. Geh zurück in die Altenpflege. Die brauchen immer Personal.“ Maiks Worte waren wie Giftpfeile aus seinem Mund geschossen.

„Du bist ein richtiges Arschloch.“ Lena warf ihm ein Paar Socken gegen den Kopf.

„Ja, ja, ich weiß. Und dazu noch ein notorischer Fremdgänger, ein Lügner und ein Vollidiot. Lena, bekomm dein Leben in den Griff.“

„Ich habe es im Griff“, schrie sie. Sie stand auf, stellte sich vor die Schlafzimmertür und stemmte ihre Hände in die Hüfte.

„Was willst du tun? Mich aufhalten?“

„Gehst du zu ihr?“

„Zu wem?“

„Na, zu ihr. Der Tussi, mit der du seit Monaten hinter meinem Rücken vögelst.“

„Wieder eines deiner Hirngespinste.“ Seine Stimme brach. Er wirkte nicht mehr so sicher wie gerade noch. „Nutze deine Fantasie lieber, um einen guten Roman zu schreiben, vielleicht kannst du dann einen zweiten Erfolg verbuchen.“

Lena standen Tränen in den Augen. Sie ärgerte sich darüber, dass Maik sie so dermaßen wütend machte. Auf keinen Fall wollte sie ihn anbetteln zu bleiben, doch noch schlimmer fühlte sie sich bei dem Gedanken, ihn zu verlieren.

„Lass mich jetzt vorbei, Lena. Ich denke, es ist das Beste, wenn wir uns eine Weile nicht mehr sehen.“ Maik schob sie beiseite.

„Du willst also einfach verschwinden, ohne es mir zu erklären? Nach allem was ich für dich getan habe?“

Maik drehte sich noch einmal zu ihr um. „Was gibt es da noch zu besprechen? Du vertraust mir nicht. Eigentlich macht diese Beziehung gar keinen Sinn.“

Lena funkelte ihn an. „Ach ja, und warum kommst du dann immer wieder zurück?“

„Das wüsste ich auch gern. Weißt du was? Ich lass es und komme nicht zurück.“

Lena konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Sie standen schon oft an diesem Punkt, immer hatte er wieder an die Tür geklopft. „Du kommst allein gar nicht zurecht.“

„Weißt du was, Lena? Du hast recht.“

Lenas Lippen zitterten. „Mit was?“

„Ich habe eine Affäre. Seit Wochen schon. Sie vögelt mich einfach. Ohne dieses ganze Liebesgeschwafel. Ich werde zu ihr gehen. Ich brauche dich nicht.“

Lena war nicht mehr in der Lage, etwas zu erwidern. Auch wenn sie es bereits gewusst hatte, war es ein Schock, diese Tatsache aus seinem Mund zu hören. Am liebsten wäre sie ihm an die Gurgel gesprungen, doch sie verpackte ihre Wut nur in Worte. „Du bist ein Arschloch.“

„Das sagtest du schon. Ich gehe jetzt.“ Er lief zur Haustür und öffnete sie.

Lena würde ihn auf keinen Fall am Gehen hindern. „Lass dich nie wieder bei mir blicken.“

Er verließ stumm die Wohnung und knallte hinter sich die Tür zu.

Als ein paar Minuten vergangen waren, schrie sich Lena ihren Schmerz von der Seele.

Dann trat sie gegen die Schlafzimmertür, die krachend ins Schloss fiel. Lena riss die Kleiderschranktür auf und zerrte die Klamotten ihres Ex-Freundes heraus. Die Sachen flogen durch das Zimmer. „Du dämlicher Idiot. Wie konnte ich nur so blöd sein?“ Lena nahm Maiks Bettzeug und stopfte es in den leergeräumten Schrank. Mit Nachdruck trat sie noch einmal dagegen, bevor sie die Schranktür mit Wucht zuschlug.

Es klirrte. Der Spiegel, den Maik nur provisorisch an die Tür geklebt hatte, war heruntergefallen.

„Scheiß Typ“, brüllte sie noch einmal. Dann legte sie sich ins Bett und zog die Decke über ihren Kopf. Das unwohle Gefühl, ein Gemisch aus Panik, Trauer und Wut, walzte wie Feuer durch ihren Körper und verursachte einen unangenehmen Druck in ihrem Magen.

Zwei Stunden später setzte sie sich an ihren Laptop und stierte auf den schwarzen Bildschirm. In einer Woche sollte sie ihr Manuskript ins Lektorat geben und sie hatte noch einige Kapitel zu überarbeiten. Doch ihr Kopf war leer.

Das Telefon klingelte. Es gab nur eine Person, die seit dem Tod ihrer Mutter auf dem Festnetz anrief. Ihre Schwester war vier Jahre jünger und lebte in Österreich. Sie war verheiratet und hatte zwei Kinder. Etwas, auf das Lena eifersüchtig war, denn sie sehnte sich selbst nach einer eigenen Familie.

Lena nahm ab. „Hallo, Schwesterherz“, sagte sie weinerlich in den Hörer.

„Du hörst dich aber nicht gut an. Ist was passiert?“

„Maik hat mich verlassen.“

Am anderen Ende blieb es stumm.

„Bist du noch dran?“, fragte Lena.

„Ja, natürlich. Wird es diesmal für immer sein?“

„Ich werde ihn nicht mehr bei mir aufnehmen.“

„Es wäre dir zu wünschen, wenn du endlich von diesem Idioten loskommst. Er ist ein Arschloch.“

„Was du nicht sagst.“

„Was macht dein Thriller? Wirst du die Deadline schaffen?“

„Ich habe gerade solch eine Mordlust im Bauch, ich glaube, ich stelle mir Maik als Opfer vor. Dann wird es ein Bestseller.“

„So hörst du dich schon besser an.“ Ihre Schwester lachte.

„Weißt du, mein Leben ist wirklich eine einzige Katastrophe.“ Lena schaute aus dem Fenster und beobachtete, wie ein Pärchen Arm in Arm vorbeilief.

„Na hör mal, du hast einen Bestseller geschrieben. Das kann nicht jeder von sich behaupten.“

„Andere haben zwanzig.“

„Du bist nicht andere. Du bist meine große Schwester, ich sehe zu dir auf.“

„Hör mit dem Geschleime auf“, antwortete Lena harsch. Sie wusste, dass Anke sie nicht um ihr Leben beneidete. „Wie geht es den Kindern?“ Lena schmunzelte bei dem Gedanken an ihre zwei wunderschönen Nichten, die sich freuten, wenn ihre Tante sie mit rosa Kleidchen beschenkte.

„Lena, ich mag dieses Klischee, dass Mädchen rosa und Jungen blau tragen, nicht“, hatte Anke mit ihr geschimpft.

„Es geht ihnen gut. Sie vermissen dich. Warum kommst du nicht einfach zu uns? Deine Bücher schreibst du von hier. Und du hättest mich wieder in deiner Nähe.“

„Ich weiß nicht, aber ich mag Koblenz. Auch wenn ich mich seit Mamas Tod und deinem Wegzug wirklich sehr einsam hier fühle. Ich würde meine Freunde aber vermissen.“

„Deine Freunde kannst du jederzeit besuchen.“

Lena dachte einen kurzen Augenblick über die Worte ihrer Schwester nach und sie musste zugeben, dass sie ihr ein gutes Gefühl gaben. „Es klingt nach einer guten Idee. Ich überlege es mir. Aber nun muss ich etwas arbeiten. Lass uns morgen wieder telefonieren. Und gib den Zwergen einen Kuss von ihrer Lieblingstante.“ Lena wurde warm ums Herz, als die Kinder im Hintergrund riefen, dass sie sie lieb hatten.

„Ich würde mich sehr freuen, wenn du kommst. Pass auf dich auf. Ich melde mich morgen.“

Lena ging in die Küche und machte die Kaffeemaschine an. „Soll er in der Hölle schmoren.“ Noch einmal redete sie sich ein, dass sie Maik nie wiedersehen wollte. Doch der Schmerz war hartnäckig.

Ihr Handy kündigte eine Nachricht an. Sie war von Steffi. Hallo Lieblingsmensch, Lust auf ein bisschen Party heute Abend?

Lena antwortete, dass ihr zum Feiern nicht zumute war, entschied aber, sie trotzdem zu besuchen.

Steffi wohnte in Rübenach. Ihr Haus stand am Rande des Ortes und Lena mochte die Abgeschiedenheit. Oft machten sie mit Steffis Hund lange Spaziergänge. Und das war genau das, was sie gerade brauchte. Lena verspürte den Drang nach frischer Luft. Obwohl die heißen Temperaturen draußen eher zu schwül waren und das Laufen erschwerten.

Sie schrieb ihr, dass sie noch schnell duschen und sich dann auf den Weg machen würde.

Das Bad unter der Dachschräge war aufgeheizt. Sie stellte die Wassertemperatur deshalb auf kalt und stieg in die Dusche. Das kühle Wasser prickelte auf ihrer Haut und sie schloss die Augen. Dachte an Maik, an ihre Dummheit und an die Worte ihrer Schwester. „Was bin ich nur für ein armseliges Würmchen.“

Um ihre Laune zu heben, schaltete sie das Radio ein, nachdem sie aus der Dusche gestiegen war. Sie zappte durch die Programme, doch jeder Sender schien sich über sie lustig machen zu wollen, weil sie zeitgleich Lieder spielten, die sie an Maik erinnerten. Also stellte sie das Radio wieder aus.

Lena blickte in den Spiegel und sog den Duft nach Granatapfel in sich auf. Sie konnte nichts erkennen, weil er beschlagen war. Doch sie konnte sich ausmalen, wie elendig sie aussehen würde.

Die Hitze war kaum zu ertragen. Lenas Wangen glühten und der Schweiß lief ihr zwischen den Brüsten hinunter. Noch einmal fragte sie sich, wie es nun weitergehen sollte. Um sich zu ermuntern, malte sie ein lachendes Gesicht auf den Spiegel. „Jetzt wird gelebt. Ich suche mir ein Abenteuer. Schluss mit dem öden Dasein.“

Voller Motivation trocknete sie sich ab und warf sich ein luftiges Trägerkleidchen über. Noch während sie sich die nach Kokosnuss duftende Bodylotion auf die Arme rieb, bereute sie es. Sie hatte das Gefühl, ihre Haut konnte nicht mehr atmen und verspürte den Drang, noch einmal zu duschen.

Ihr Handy piepste. Steffi hatte geantwortet: Prima, ich freu mich. Bring eine Flasche Sekt mit.

Lena schmunzelte. Obwohl ihre Freundin noch nichts von dem ganzen Drama wusste, hatte sie offenbar unbewusst genau das richtige Programm geplant.

Sie schaute in den Kühlschrank, in dem noch eine Flasche Prosecco von Maiks Geburtstag stand. Sie packte sie in den Korb, legt eine Wassermelone dazu und stand kurze Zeit später fertig an der Wohnungstür.

Das gute Gefühl verflüchtigte sich, als sie an der Garderobe Maiks Jacke sah. Erneut bohrte sich der Schmerz in ihr Herz. Die Erinnerung an das erste Jahr, als die Beziehung zu Maik noch schön war, verursachte ihr Übelkeit.

Lena straffte die Schultern. Nein, Lena Hader, du wirst ihm nicht nachtrauern!

Demonstrativ verließ sie ihre Wohnung. Als sie am Briefkasten vorbeikam und Maiks Namen auf dem Namensschild sah, verlor sie den Mut, neu anzufangen. Wieder drückten sich Tränen aus ihren Augen. Sie trat gegen die Wand. Ärgerte sich über sich selbst, dass sie dem Kerl auch nur eine Träne nachweinte.

Eine ältere Dame, die gerade am Hauseingang vorbeiging, warf ihr einen entrüsteten Blick zu.

Lena lief zu ihrem Auto, stieg ein, schlug mit beiden Händen auf das Lenkrad, atmete dreimal tief ein und aus und startete dann den Motor.

Auf dem Weg zu ihrer Freundin entschied sie, dass sie am nächsten Tag ihre Koffer packen und zu ihrer Schwester nach Österreich fahren würde. Ein Tapetenwechsel würde ihr guttun. Dort würde sie nicht mehr alles an Maik erinnern.

Sie spürte die Blicke des Fahrers, der an der Ampel neben ihr stand und lüstern grinste. Glühende Wärme schoss ihr in den Kopf. Kurz überlegte sie zurück zu flirten, um sich besser zu fühlen. Doch ihre Gedanken schweiften zu ihrem Plan, Koblenz zu verlassen.

In Koblenz lauerten an jeder Ecke Erinnerungen an Maik. Der Gedanke, bei ihrer Schwester zu wohnen, stimmte sie glücklich, sie spürte ihr Herz vor Freude hüpfen. „Abenteuer, ich komme.“

Hinter ihr hupte jemand.

Sie zuckte zusammen. Lena verdrehte genervt die Augen und schaute in den Rückspiegel.

Der Fahrer hinter ihr gab ihr ein Zeichen, dass sie fahren sollte.

Lena fluchte, als sie sah, dass die Ampel auf Grün gesprungen war. Sie hob ihre Hand und würgte beim Anfahren das Auto ab. Das ist so peinlich. Sie startete den Motor neu und fuhr mit quietschenden Reifen los. Im letzten Augenblick erkannte sie, wie die Ampel bereits wieder Gelb wurde.

Der Mann hinter ihr brüllte etwas aus dem Fenster und schickte ihr einen lieben Gruß hinterher: den ausgestreckten Mittelfinger.

Lena atmete aus, sobald sie außer Sichtweite war. Auf der Europabrücke gab sie Gas. Ihre Anspannung ließ nach.

Als sie bei Steffi in Rübenach ankam, fuhr sie bis ans Ende der Straße und dann ein Stück den Feldweg entlang, wo sie ihr Auto in einer kleinen Einbuchtung abstellen wollte.

Mitten auf dem Weg verhinderte jedoch ein rotes Kinderfahrrad die Weiterfahrt.

Lena stellte den Motor ab und überblickte das Feld. Sie wunderte sich.

Es war weitläufig niemand zu sehen, zu dem das Fahrrad gehören könnte.

Mit einem leicht mulmigen Gefühl stieg sie aus dem Wagen. Sofort kamen ihr grausige Szenarien in den Sinn. Vielleicht lag eine verweste Leiche im Feld, die dort nach einem grausamen Mord einfach abgelegt wurde und sich in der Sonne bereits anfing zu zersetzen. „Du liest einfach zu viele Thriller“, versuchte sie sich einzureden. „Es ist nur ein Fahrrad, das ein Kind achtlos hingeworfen hat.“

Sie ging zu dem Rad, um es an den Wegrand zu stellen. Dann stieg sie in ihr Auto, parkte es an der Seite, griff nach der Flasche Prosecco und stieg aus dem Wagen.

Plötzlich vernahm sie ein leises Wimmern. Nur kurz. Sie regte sich nicht, lauschte, doch das Geräusch war nicht noch einmal zu hören.

Sie schüttelte ihren Kopf. Du wirst noch ganz verrückt. Entspann dich.

Ihr Herz klopfte noch kräftig, als sie sich auf den Weg zu Steffi machen wollte und das Wimmern erneut, dieses Mal deutlich lauter, aus dem Feld ertönte. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Sie folgte dem jämmerlichen Winseln. Ihr Herz klopfte schneller und sie hörte ihr Blut in den Ohren rauschen. Es ist bestimmt nur ein Tier. Bei dem Gedanken, gleich einen verletzten Hund oder eine Katze zu finden, wurde ihr übel. Lena hasste es, kranke oder tote Tiere zu sehen, doch etwas in ihr sagte, dass so kein Tierwimmern klang. Sie schlich weiter den Weg entlang, kniff die Augen zusammen, konzentrierte sich auf das Winseln, um zu lokalisieren, wo es herkam.

Ihr wurde schnell klar, dass das menschliche Laute waren und sie befürchtete, dass sich ein Kind verletzt haben könnte, und das Fahrrad vielleicht deshalb dort gelegen hatte. O Gott, bitte nicht.

Plötzlich war es wieder still.

Lena blieb stehen und lauschte. Sie hörte nichts außer ihren schnellen Atem. Obwohl die Sonne auf sie schien, fröstelte sie. Wieder kam ihr die verweste Leiche in den Sinn. Meine Güte, du bist komplett irre. Seit wann kann eine verweste Leiche jammern?

Still stand sie auf dem Weg, wartete auf ein weiteres Geräusch.

Nach wenigen Sekunden ertönte ein schmerzerschütterndes Stöhnen, das ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. Wie erstarrt blickte sie in die Richtung, aus der es kam. Zögerlich lief sie ein Stück weiter. Ihr Herz machte einen Aussetzer, als sie auf das Feld sah. Lena stockte der Atem. Zitternd starrte sie auf die Stelle im Feld. Dann wandte sie sich ab und erbrach sich.

Kapitel 3

Arno

  1. Juli 1963

„Du bist echt der Beste. Du hast schon wieder getroffen.“

Sein Bruder grinste über beide Ohren. „Ach Arno, streng dich mehr an. Du kannst dich doch nicht immer so blöd anstellen.“ Peter richtete die Steinschleuder nach vorn, kniff das rechte Auge zu, zog das Gummi nach hinten und ließ es los.

Arno schaute dem Stein hinterher. Als er das blecherne Geräusch hörte, sprang er hoch. „Treffer.“

„Los, du bist dran.“

Arno übernahm die Schleuder.

Ihr Vater hatte sie für die Jungs geschnitzt. Eigentlich nur für Peter, aber sein Bruder ließ ihn ab und zu damit spielen. Die einzige Bedingung des Vaters war, dass sie nicht auf Tiere oder Menschen zielten.

Peter stellte sich hinter Arno. Er nahm seine Hände, führte die Arme in Stellung. „Du musst genau schauen, wohin du treffen möchtest. Halte den Stein vor dein Auge. Atme ruhig. Zähl bis drei und dann … Treffer.“ Es klirrte, als das Geschoss gegen die Dose flog.

Arno spürte ein Kribbeln in seinem Bauch. „Jetzt schaffe ich es allein.“ Er wollte es Peter unbedingt beweisen.

„Na dann, Brüderchen.“ Peter ließ ihn los und stellte sich seitlich neben ihn.

Arno bückte sich.

„Was hast du vor?“, fragte sein Bruder.

Arno zuckte mit den Schultern. „Ich nehme einen größeren Stein. Dann treffe ich besser.“

„Typisch, du machst es dir mal wieder viel zu leicht.“

Peter stemmte seine Hände in die Seiten. „Da kann ja jedes Baby treffen. Du bist ein Verlierer.“

Arno ignorierte die Worte und stellte sich in Position. Er kniff das rechte Auge zu. Mit dem linken fixierte er die Dose.

Das Zwitschern eines Vogels durchbrach die Stille.

Er feuerte den Stein ab. Gespannt schaute er dem Geschoss hinterher und wartete auf das blecherne Geräusch.

Doch es blieb aus. Einzig ein paar Vögel flatterten vom Boden auf.

Arno schaute wütend auf die Dose und schämte sich.

Peter lachte lautstark. „Daneben.“ Er hielt sich mit dem rechten Arm den Bauch und zeigte mit der linken Hand auf ihn. „Das mit dem großen Stein hat gar nichts gebracht.“

Arno senkte den Blick. „Mist“, nuschelte er und ärgerte sich, dass er sich mal wieder vor seinem Bruder blamiert hatte.

Peter rannte zu der Dose. Kurz blieb es still. Dann drehte er sich zu ihm um. „Oh, oh, wenn das Vater erfährt.“

Arno wurde heiß. Mit Herzrasen schlich er zu der Dose.

„Du hast einen Vogel getroffen.“ Peter zeigte auf einen hechelnden Vogel, der auf dem Boden lag.

Arno starrte auf das Federvieh, dessen Kopf unnatürlich zur Seite hing. Seine Augen waren verdreht.

„Er hat Schmerzen“, sagte Peter.

Arno packte das Grauen. „Das habe ich nicht gewollt. Ich habe ihn gar nicht gesehen.“

Ein leises Piepen drang aus der Kehle des Tieres, als wollte es ihm sagen, dass er ein Vogelmörder war.

„Er quält sich. Der arme kleine Kerl.“

Arnos schlechtes Gewissen wurde größer. „Kannst du ihn nicht retten?“

„Wie soll ich das denn machen? Der wird nicht mehr gesund. Schau seinen Kopf an.“

„Ich habe ihn nicht gesehen“, antwortete Arno wütend.

Peter wippte ungeduldig mit dem Bein. „Nun erlöse das arme Vieh doch endlich.“

Arno starrte seinen Bruder an. „Was meinst du damit?“

„Du musst ihn töten, dass er sich nicht mehr so quält.“

Arno gab Peter einen Stoß gegen die Brust. „Nein!“

Sein Bruder kam ins Straucheln. „Hey, spinnst du? Willst du mir auch noch das Genick brechen? Du bist ein richtiger Blödmann.“

„Ich kann das nicht.“ Arno weinte und glitt zu Boden. Er krümmte sich vor Bauchschmerzen „Ich bringe keine Tiere um. Du kannst das machen.“ Er schaute Peter flehend an.

Dieser tippte sich mit dem Zeigefinger an die schweißnasse Stirn. „Ich? Warum ich? Du hast ihn doch verletzt.“

Arno zog die Augenbrauen zusammen. „Ich habe das nicht mit Absicht getan.“

„Du hast ihn aber abgeschossen. Also musst du ihn auch erlösen. Nun los, oder ich erzähle Vater, was du gemacht hast.“

Arno zog seinen Rotz hoch, griff nach seinem T-Shirt und wischte sich damit die Nase ab. „Wie … Wie soll …“ Er schniefte. „Wie soll ich das denn machen?“

„Dreh ihm den Hals um.“

„Nein, das kann ich nicht.“

„Du musst.“ Peter zeigte auf den Vogel, der immer noch hechelte. „Sieh ihn dir an, er leidet total.“

Arno schaute auf das Tier. Ein Kloß brannte in seiner Kehle. Was hatte er nur getan? Er wollte kein Tiermörder sein, doch sein Bruder hatte recht. Der kleine Vogel quälte sich. Und je länger er sich das anschaute, umso übler wurde ihm.

Langsam hockte er sich hin. Schniefte. Wischte sich mit dem Arm die Tränen aus den Augen, um besser sehen zu können. Dann nahm er den Vogel in die Hände. Er streichelte über den Bauch. Die Flügel presste er an den Körper. Arno bildete sich ein, dass das Vieh ihn vorwurfsvoll anblickte und ihn aufforderte, ihn nicht zu töten. Erneut stiegen Tränen in seine Augen.

„Nun mach doch endlich“, befahl Peter ihm. „Wir müssen nach Hause. Es wird gleich dunkel. Ich habe keinen Bock, wegen dir Ärger zu bekommen.“

Arno schluckte. Dann griff er mit seiner rechten Hand um den Kopf des Vogels und kniff die Augen zusammen. Mit einem Ruck drehte er ihn zur Seite.

Es knackte, das Tier hörte auf zu hecheln.

Schnell ließ Arno es los, rannte zum nächsten Baumstamm und erbrach.

Peter stellte sich hinter ihn und strich ihm über den Rücken. „Du hast ihn erlöst.“

„Woher willst du das denn wissen? Vielleicht hat er gar nicht gelitten.“

„Doch, hat er. Das ist die Wahrheit. Du musst dich deshalb nicht schlecht fühlen.“

Arno entging dieses faszinierte Grinsen im Gesicht seines Bruders nicht. Und in diesem Moment wollte er ihm auch am liebsten den Hals umdrehen. „Du bist so gemein. Du hättest mich dazu nicht zwingen dürfen.“

„Du hättest ihn ja nicht umbringen müssen. Jetzt benimmst du dich wie ein Baby. Außerdem machst du immer alles, was ich sage.“

Arno starrte seinen Bruder an. „Ich hasse dich.“

„Ich weiß.“ Peter zuckte die Schultern. „Na los, beerdigen wir ihn.“

Arno schniefte. Eine Beerdigung war eine gute Idee, was er aber nicht laut aussprechen würde. Der Vogel hatte es verdient. Denn nur wegen ihm war er den grausamen Tod gestorben.

Die beiden buddelten ein kleines Grab und legten mit zwei Ästen ein Kreuz darüber. Dann liefen sie aus dem Wäldchen zurück in den Ort.

Arno ging schweigend neben seinem Bruder, der sein rotes Fahrrad schob. Seine Gedanken kreisten um die Augen des Vogels, die sich hin und her bewegt hatten. Er würde sie nie wieder vergessen.

Peter hüpfte abwechselnd von einem Bein auf das andere. „Nun komm schon, zieh nicht so ein Gesicht. Wir erzählen es niemandem. Es bleibt unser Geheimnis.“

Arno reagierte nicht. Lief mit gesenktem Blick den Weg entlang. Wie konnte sein gemeiner Bruder nur so gefühlskalt sein? Außerdem war er sicher, dass es Peter ihm von nun an immer vorhalten würde, sobald er etwas nicht tat, das Peter wollte.

Das Quietschen eines Autos hinter ihnen riss ihn aus den Gedanken. Das rote Fahrrad wurde plötzlich an ihm vorbeigeschleudert. Arno drehte sich um und sah, wie Peter durch die Luft wirbelte. Ein markerschütternder Schrei hallte durch Rübenach, dann knallte der Körper seines Bruders auf den Asphalt.

„Peter“, schrie Arno und rannte zu dem blutigen Bündel.

Das Auto fuhr rückwärts, wendete und raste mit quietschenden Reifen davon.

„Hilfe!“, schrie er und beugte sich über seinen Bruder. „Kannst du mich hören?“ Er rüttelte sanft an seiner Schulter.

Peter bewegte die Lippen und Blut quoll heraus.

„Peter?“ Arno zitterte am ganzen Körper. Er wischte ihm das Blut vom Mund, doch es kam immer wieder neues nach. „Hilfe“, schrie er noch einmal.

Peter stöhnte. Er versuchte zu sprechen, doch Arno konnte nichts verstehen.

„Was hast du gesagt?“ Er lehnte sich ganz nah hinunter und legte sein Ohr an den Mund seines Bruders.

„Bitte hilf mir.“ Dann schloss Peter die Augen.

Copyright by Andrea Reinhardt

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