Verzweifelte Entführung

Melinda freute sich auf die kommenden Tage. Das erste Mal, seit sie aus ihrer Heimat weggezogen war, würde sie Weihnachten in ihrer eigenen Wohnung feiern. Ganz so, wie sie es von zu Hause kannte. Einen Weihnachtsbaum hatte sie bereits und würde ihn am Abend schmücken. Sie hatte nur noch heute Dienst auf der Kinderintensivstation, dann würde ihr Weihnachtsurlaub beginnen. Morgen würde ihre Familie anreisen, die sie seit Monaten nicht mehr gesehen hatte. Sie war glücklich. Ihren Traumjob in der Klinik von Koblenz verdankte sie einer Bekannten, die sie über die sozialen Netzwerke kennengelernt hatte. Melinda wollte einen Neustart und da kam die freie Stelle als Fachkinderkrankenschwester in Koblenz genau richtig. In ihren Gedanken verloren, voller Vorfreude auf Weihnachten, schlenderte sie auf der Moselweißerstraße Richtung Klinikum, als ihr plötzlich ein kleines Mädchen in die Arme lief. Weinend sackte sie zu Boden. Ihre Hautfarbe war kreidebleich und ihre Augen glasig.

„Um Himmelswillen, was ist denn mit dir?“, fragte Melinda und schaute sich um, ob sie irgendwo ein Elternteil ausfindig machen konnte. „Bist du ganz allein hier? Wo sind deine Eltern?“

Das Mädchen schluchzte. „Mein Papa braucht Hilfe.“

„Wo ist er denn?“

Das Kind zeigte in eine Seitengasse, die in ein ruhiges Wohngebiet grenzte. „Im Auto. Er schläft und wacht nicht auf.“

„Kannst du mir den Weg zeigen?“

Das Mädchen nickte, griff nach Melindas Hand und zog sie hinter sich her. An einem schwarzen SUV, der etwas abseits der Wohngegend parkte, blieb sie stehen und zeigte in den Wagen. Ein Mann lag mit dem Kopf auf dem Lenkrad und rührte sich nicht. Melinda klopfte an die Scheibe. „Hallo, hören Sie mich?“

Der Mann rührte sich nicht.

Das Mädchen schniefte. „Das ist mein Papa.“

Melinda öffnete die Fahrertür und rüttelte an der Schulter des Mannes. Ein leises Stöhnen wich aus seinem Mund.

„Geht es Ihnen nicht gut?“, fragte Melinda.

In diesem Moment schoss der Kopf des Mannes hoch. Er sprang aus dem Auto, packte sich Melinda und warf sie unsanft auf die Hintersitze.

„Hey, was soll das denn?“ Melinda konnte so schnell nicht realisieren, was geschehen war. Das Mädchen stieg eilig auf den Beifahrersitz und ehe Melinda im Begriff war zu reagieren, schoss das Auto los. „Sind Sie bescheuert?“, empörte sie sich. „Sie nutzen ein Kind aus, um eine Frau zu entführen?“

Der Mann reagierte nicht.

Das Mädchen weinte.

Er legte seine Hand auf ihren Nacken, mit der linken steuerte er das Auto. „Ist schon gut, Kleines. Das hast du super gemacht.“

„Sie bringen Ihrem Kind bei, kriminell zu sein. Was sind sie für ein Mensch? Was haben Sie mit mir vor?“

Wieder antwortete der Mann nicht auf ihre Fragen.

Das Mädchen stöhnte. Auf ihrer Stirn standen die Schweißperlen, ihre Gesichtsfarbe wirkte fast grau.

„Halte durch, dir wird gleich geholfen“, sagte der Vater.

„Was ist mit ihr?“

„Können Sie nicht einfach mal die Klappe halten?“, schrie der Mann Melinda an. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. Offenbar machte ihn etwas nervös.

Melinda blickte besorgt zu dem Mädchen.

Es verging eine ganze Weile, in der niemand etwas im Auto sagte. Melinda wollte in ihrer Tasche kramen, um das Handy herauszuholen und einen Notruf abzusetzen, doch sie bemerkte, dass ihre Tasche nicht da war. Erschöpft lehnte sie sich in den Sitz. Die Angst fraß sich in ihre Knochen. Was wollte der Mann von ihr? War das Mädchen seine Tochter oder auch ein Opfer? Melinda überlegte, wer sie als vermisst melden würde. Ihre Kollegen würden bereits warten, aber würden sie schon die Polizei rufen? Zu Hause wartete niemand auf sie. Es könnte also frühestens morgen jemand aus ihrer Familie bemerken, dass sie nicht da ist.

Der Mann steuerte das Auto in eine Art Tiefgarage. Alles war dunkel und Melindas Eingeweide zogen sich zusammen. Es war, als würde sie von dem Tor verschluckt werden, und sobald es nach unten ginge, wäre sie in der Dunkelheit verschwunden. „Lassen Sie mich raus“, schrie sie panisch.

Doch der Mann ignorierte sie. Er stieg aus, holte das Mädchen aus dem Auto und verriegelte den Wagen. Er trug sie ins Haus und kam einige Minuten später zurück. Er setzte sich neben sie auf die Hintersitze.

„Hören Sie, ich möchte Ihnen nichts tun. Ich brauche Sie. Es ist wirklich wichtig. Bitte schreien Sie nicht. Gehen Sie mit mir vernünftig ins Haus und ich erkläre Ihnen alles. Sollten Sie dennoch versuchen, Dummheiten zu machen, vergesse ich mich. Ich kann böse werden, das wird sehr schmerzvoll für Sie.“

Melinda schluckte.

„Kommen Sie freiwillig mit oder muss ich Sie zwingen?“

„Ich …  ich komme freiwillig.“ Melinda schaute dem Mann in die Augen, die so trostlos und leer wirkten, dass sie schon fast Mitleid bekam. Was hatte er zu verbergen?

Er ließ Melinda vorlaufen. Sie trat in einen Wohnbereich, der spärlich eingerichtet war. Im Flur standen keine Möbel, nur ein leuchtendes Rentier hing an der Wand. Im angrenzenden Raum stand ein Sofa, davor ein Couchtisch und ein kleines Sideboard mit einem Fernseher darauf, den es heute so nicht mehr zu kaufen gab.

„Setzen sie sich“, forderte der Mann sie auf und zeigte auf das Sofa. Erst als Melinda in den Raum trat, sah sie in der Ecke einen geschmückten Weihnachtsbaum stehen, der kunterbunt vor sich hin funkelte. Daneben stand ein Prinzessinnenbett, in dem das Mädchen lag. Ihn ihren Händen hielt sie ein Geschenk. Melinda setzte sich auf das Sofa.

„Wollen Sie etwas trinken?“

Sie schüttelte den Kopf.

Er verließ das Wohnzimmer und rief seiner Tochter im Gehen zu, dass er nur schnell ihre Medikamente holen würde.

Melinda nutzte ihre Chance, um aus dem Mädchen mehr Informationen herauszuholen. „Bist du krank?“

Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Die kleinen Finger wickelten sich um die Schleife des Papieres. „Wenn mir nicht geholfen wird, werde ich vielleicht sterben.“

„Unsinn, mein Liebling“, sagte der Vater, der plötzlich wieder im Zimmer stand. „Ich werde das nicht zulassen. Das habe ich dir versprochen.“ Sein Blick wanderte zu Melinda.

„Was hat sie?“, fragte diese.

Der Vater seufzte. „Hören Sie. Ich möchte Ihnen wirklich nichts tun. Ich kenne Sie aus der Kinderklinik. Wir hatten vor einer Weile einmal dort gelegen und ich habe sie immer beobachtet, wie sie auf die Intensivstation gegangen sind. Eigentlich habe ich sie beobachtet, weil sie mir gefallen haben, doch nun brauche ich Sie dringend. Als Kinderkrankenschwester für meine Tochter Clara.“

Melinda runzelte die Stirn. „Warum gehen Sie nicht zum Arzt mit ihr. Sie sieht schlimm aus.“

„Das geht nicht.“ Dem Mann stiegen Tränen in die Augen.

Und als seine Tochter ihre kleinen Arme um seinen Hals legte, um ihn zu trösten, musste sich Melinda beherrschen, nicht loszuheulen. Ein Kloß brannte in ihrer Kehle.

 „Ihre Mutter ist eine sehr sture Person und glaubt, dass sie mit einem Guru wieder alles gut machen kann. Er legt seit Wochen die Hand auf, doch Claras Zustand wird immer schlimmer. Sie fiebert hoch. Und wird immer schwächer. Sie isst und trinkt kaum. Ich brauche Ihre Hilfe.“

„Aber wie soll ich ihr denn hier helfen. Ich habe gar nichts bei mir, was ich brauche. Sie hätten sich doch Hilfe holen können. Ihre Frau darf das doch nicht alles allein entscheiden.“

„Wir sind geschieden und sie hat das alleinige Sorgerecht. Ihre Lügen haben mich in den Ruin gestürzt. Sie hat überall Lügen verbreitet. Ich habe alles verloren. Mein Haus, meine Arbeit und meine Tochter. Aber ich werde nicht zulassen, dass sie stirbt.“

„Wollen Sie damit sagen, sie haben Clara entführt?“

„Ich möchte bei Papa bleiben. Er ist viel lieber als Mama.“ Das Mädchen seufzte.

Der Vater setzte sich zu seiner Tochter und gab ihr eine Spritze gefüllt mit fiebersenkendem Saft. Dann küsste er liebevoll ihre Stirn. „Ich verspreche, ich stelle mich sofort der Polizei. Aber erst muss sie gesund werden. Sonst hat sie keine Chance. Bitte.“

„Wie soll ich das denn anstellen?“, fragte Melinda, der die Geschichte und die unbändige Liebe zwischen den beiden unter die Haut ging. Auch wenn es alles andere als legal war, was der Vater tat, so konnte sie es irgendwie verstehen. In seinen Augen las sie pure Verzweiflung und die Sorge um seine Tochter.

„Ich habe alles da. Und ich kann auch alles besorgen. Sie müssen nur sagen was.“

„Ich könnte Ihnen doch helfen. Wir bringen sie zu mir auf die Station und rufen die Polizei.“

Der Vater sprang auf. „Auf keinen Fall! Niemand hat mir geglaubt. Meine Frau hat eine mir wildfremde Frau bezahlt, damit sie erzählte, dass ich sie vergewaltigt habe. Ich stehe überall als Verbrecher da. Meine Frau kommt seit Jahren mit den Lügen durch. Clara muss erst gesund werden, dann geh ich zur Polizei. Ich schwöre es.“

„Ich bin kein Arzt. Ich kann keine Diagnosen stellen.“

Nun lief der Vater aufgebracht im Zimmer herum. Immer wieder haute er seine Faust gegen die Stirn. „Bitte, ich möchte sie nicht zwingen müssen. Ich flehe sie an, lassen sie mich nicht noch krimineller werden. Doch ich würde alles für meine Tochter tun.“

Melinda war sich sicher, dass die Drohung ernst gemeint war. Aber sie glaubte ihm auch, dass er das nicht wollte. Es war die Vaterliebe, die Angst und die schlimmen Lügen, die ihn dazu trieben. „Okay, was können Sie mir sagen?“

Der Vater schwieg einen Moment, dann setzte er sich wieder zu seiner Tochter. „Es fing vor ein paar Wochen an. Ich hatte mit Clara telefoniert und sie sagte, dass sie sich schlapp fühlte. Ihre Mutter sagte, es wäre nur eine Erkältung. Aber sie hatte nichts unternommen. Clara ging weiter in den Kindergarten, musste zu ihrem Ballettunterricht. Und meine Ex-Frau hat jeden Tag nur zugeschaut und sie getriezt, ohne zu erkennen, dass sie immer schwächer wurde.“

„Haben Sie ein Stethoskop?“

Der Vater erhob sich und holte einen roten Rucksack. Auf dem vorne groß Notfallkoffer stand. „Hier müsste alles drin sein.“

Melinda schaute ihn irritiert an.

„Ich habe einen Freund, der beim Rettungsdienst arbeitet. Ich habe ihn geklaut.“ Er senkte den Blick. Sein Gesicht färbte sich rot.

Melinda öffnete den Koffer und griff nach dem Stethoskop. Sie hörte auf die Lunge des Mädchens. Darauf brummte, pfiff und knisterte es. Melinda bekam fast einen Schlag. „Um Himmelswillen, das scheint mir eine Lungenentzündung zu sein.“ Sie beobachtete den Brustkorb, der voller Anstrengung auf- und absank. Die Ausatmung war verlängert und am Sternum zog es beim Einatmen stark ein. „Wie hoch war ihre Temperatur?“

„Sie fiebert wohl seit Tagen über vierzig. Mit dem Fiebersaft bekomme ich es höchstens auf achtunddreißig Grad herunter gesenkt. Meine Ex-Frau hatte aber nichts gegeben.“

„Wundert mich nicht. Ich glaube, sie hat eine Grippe verschleppt. Aber ohne eine Blutuntersuchung kann ich nicht wissen, ob vielleicht auch etwas Bakterielles dahintersteckt. Sie braucht einen Arzt.“

„Das geht nicht. Meine Ex-Frau würde sofort eingreifen.“

„Glauben Sie mir doch bitte, wenn ein Kollege von mir den Zustand des Kindes sieht, wird er sie ganz sicher nicht mit nach Hause geben. Ich kann ihm alles erklären. Ihre Tochter benötigt Sauerstoff als Atemhilfe. Sie würde hier zu Hause nicht gesund werden. Und dann sind Sie genauso wie ihre Ex-Frau.“ Sie wollte nicht so streng klingen, aber irgendwie musste sie dem Mann klarmachen, dass ihr die Hände gebunden waren.

Seine Tränen in den Augen lösten in ihr ein Mitgefühl aus. Clare nahm ihre Hand. „Danke, dass du so nett bist. Papa ist lieb.“

„Ich weiß Clara. Hörzu, ich muss dir jetzt einen Pieks geben.“ Sie wischte über den kleinen Handrücken. „Es wird kurz weh tun, aber ich kann dir dann ein Medikament spritzen, damit es dir besser geht.“

Das Mädchen nickte, doch eine Träne löste sich aus ihrem Auge.

„Du bist sehr tapfer.“ Melinda legte ihr einen Venenzugang und ließ Flüssigkeit in die Vene tropfen. „Ich spritze ihr jetzt ein Antibiotikum, aber das ist nur auf gut Glück. Außerdem verabreiche ich ihr Kortison, das man bei Lungenentzündungen zur schnelleren Besserung gibt. Aber sie muss in die Klinik.“

Der Vater brach innerlich zusammen. Er legte sein Gesicht in seine Hände und fing jämmerlich an zu weinen.

„Wann haben Sie Clara entführt?“ „Heute Morgen. Sie hat sich so schlimm angehört am Telefon und meine Ex hat sie trotzdem in der Stadt herumlaufen lassen. Weihnachtsgeschenke kaufen. Eine unachtsame Minute und ich habe Clara mitgenommen. Und diesen idiotischen Plan gefasst.“

„Ich helfe Ihnen.“ Melinda konnte selbst nicht fassen, was sie da sagte. Doch er tat ihr leid und die Mutter schien alles andere als fürsorglich zu sein. „Lassen Sie mich reden. Ich rufe jetzt bei mir auf der Station an.“

Sie wählte die Nummer. Ihre Kollegin nahm ab. „Hier ist Melinda.“

„Man, wir haben uns Sorgen gemacht. Du hast Dienst heute Nachmittag.“

„Ich weiß, ich habe hier einen Notfall. Ein fünfjähriges Mädchen, vermutlich eine schlimme Lungenentzündung. Mein Handy ist weg, ich hätte schon angerufen.“

„Melinda ist alles okay? Die Polizei war hier. Man hat deine Tasche auf dem Boden in einer Sackgasse gefunden. Eine Frau hat beobachtet, wie du in einen SUV geschubst wurdest.“

Melinda wurde warm. Claras Vater konnte alles mithören. Er presste die Lippen zusammen, setzte sich zu seiner Tochter und nahm sie auf seinen Schoß. Es war wie ein Abschied. Er resignierte. Melinda zog es die Eingeweide zusammen.

„Ach, da muss sich die Frau getäuscht haben. Ich wurde nicht gezwungen. Der Mann ist ein Freund von mir.“

Der Blick des Vaters schoss nach oben und Melinda konnte seine Erleichterung, aber auch Dankbarkeit regelrecht spüren.

„Seine Tochter ist so krank und ihre Mutter lässt das seit Wochen zu. Er hat mich um Hilfe gebeten und ich bin mitgefahren. Dummerweise muss dann meine Tasche auf den Boden gefallen sein. Könntet ihr bitte mit Rettungswagen kommen?“ Sie gab die Adresse durch, dann legte sie auf.

„Es tut mir leid, dass ich Sie in diese Situation gebracht habe. Ich bin einfach durchgedreht und habe nicht sehr clever reagiert.“

„Du!“

Der Vater schaute sie irritiert an. „Wir sind Freunde. Wir sollten uns duzen. Ich bin Melinda.“

„Frank. Vielen Dank.“

„Wir werden beide etwas Ärger bekommen. Ich hätte das hier nicht tun dürfen. Den Rucksack müssen … musst du erklären. Ich werde für dich eine Aussage machen. Gemeinsam schaffen wir das.“

Es vergingen zwanzig Minuten, bis Melindas Kollegen eingetroffen waren. Wie fast vermutet, hatte ihre Kollegin die Polizei mit benachrichtigt, was aber völlig in Ordnung war. Melinda konnte selbst nicht glauben, was sie sich da eingebrockt hatte. Obwohl der Arzt ziemlich sauer auf sie war, dass sie im Alleingang solche Entscheidungen getroffen hatte, legte er bei der Klinikleitung ein Wort für sie ein und überzeugte diese, dass sie notfallmäßig entschieden hatte und somit den Zustand des Kindes erheblich verbessern konnte. Auch bei der Polizei machte sie die Aussage, dass sie freiwillig mit Frank mitgefahren war. Es war eine Woche vergangen, Weihnachten hatte sie zusammen mit ihrer Familie verbracht, jedoch waren ihre Gedanken ständig bei Frank und Clara. Melinda hatte der Polizei von den Lügen seiner Ex-Frau erzählt, von der bezahlten Lüge des angeblichen Vergewaltigungsopfers. Sie gab sich als gute Freundin aus, doch sie wusste nicht, ob man ihr geglaubt hatte. Sie wusste auch nicht, was danach mit dem Vater passiert war.

Nervös lief sie zum Dienst. Sie hoffte, dass ihre Kolleginnen sie nicht mehr löcherten, denn das Lügen war ihr unangenehm. Außerdem hoffte sie, dass es Clara wieder gut ging. Als sie kurz vor ihrem Dienst an die Zimmertür klopfte, sprang ihr fast das Herz in die Hose. Was war nur los mit ihr? Seit Tagen konnte sie kaum essen und ihre Gedanken waren wirr. „Melinda“, rief Clara, als sie das Zimmer betrat. „Ich kann morgen wieder nach Hause.“

„Das ist wunderbar.“ Melinda sah, dass Clara noch immer das Weihnachtsgeschenk in der Hand hatte, das sie schon zu Hause die ganze Zeit festhielt. „Hast du deine Geschenke noch gar nicht ausgepackt?“

Das Mädchen kicherte. „Das ist für dich. Ich wollte es dir schon längst geben, doch dann war auf einmal so viel los.“ Sie überreichte Melinda das Geschenk. „Danke, dass du Papa geholfen hast.“

Melindas Augen wurden feucht.

Frank erhob sich. „Ich habe auch zu danken. Ich habe mich wirklich benommen wie ein Vollidiot. Es tut mir leid, dass ich dich in solche Angst versetzt habe.“

„Schon gut. Ich kann es verstehen. Aber das nächste Mal lädst du mich einfach normal ein. Okay?“ Sie lachten.

„Hast du viel Ärger am Hals?“, fragte Melinda.

Frank zuckte mit den Schultern. „Ich muss mich natürlich verantworten. Doch mein Anwalt ist gut. Ich glaube, meiner Ex-Frau wird es schlimmer gehen.“ Er zwinkerte.

Melinda hatte gelogen, für einen fremden Mann. Doch als sie in die strahlenden Augen des Kindes sah, überkam ihr das erste Mal im Leben das Gefühl, etwas getan zu haben, von dem sie zu einhundert Prozent überzeugt gewesen war. Etwas Wertvolles. Sie spürte, wie eng sich alle drei verbunden fühlten durch die kleine Geschichte, die Lüge, die sie nun ihr Leben lang mit sich trugen. Sie fand ihre Liebe auf Umwegen. Wer konnte das schon von sich behaupten?

Was wie ein Krimi begann, endet nun in einem Happy End. Ich weiß, Du kennst das nicht so wirklich von mir, aber 2020 möchte ich das Jahr mit ein bisschen Kitsch beenden. Es gab viel Leid, Trauer und Hilflosigkeit in diesem Jahr. Für so viele von uns. Deshalb schenke ich Dir heute Wärme. Vielleicht lässt du es einfach in Dein Herz, schmunzelst etwas oder Du löscht es, schüttelst den Kopf und wartest auf Frühjahr, wenn ich mich mit einem Thriller zurückmelde, ganz nach alter Manier ;-).

Copyright by Andrea Reinhardt

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